Coach Kaley

"Lacrosse-Spieler sind wie Schafe!"

 

von Gordon Bolduan

 

"Deswegen muss ein Trainer sie auch so behandeln.", scherzte Jack Kaley. Nicht nur damit machte der Nationaltrainer den ersten Lacrosse-Trainerkurs zu einem Erlebnis. Der deutsche Lacrosse-Verband veranstaltete diese Fortbildung am Wochenende, den 16. und 17. August auf den Rheinaue-Wiesen von Köln-Porz. Der Kurs fand im Rahmen eines Trainingscamps für das Turnier in Amsterdam statt.

 

"Wir reden ihn nur mit Coach an!" So eröffnet Florian Kornprobst, Sportwart des Deutschen Lacrosse Verbands (DLaxV), den ersten Trainerkurs in der deutschen Lacrosse-Geschichte. Sein Grinsen bleibt aus. Stattdessen wirft er einen Stapel unbeschriebener Notizblätter in die Runde der Teilnehmer, die aus dem gesamten Bundesgebiet anreisten und nun am frühen Morgen auf der Wiese am Rheinufer sitzen: "Zum Mitschreiben!" Mehr muss der Sportwart nicht ankündigen, der Name Jack Kaley ist bekannt. Seit rund 40 Jahren trainiert er Lacrosse-Mannschaften im amerikanischen Universitätssport ─ während der letzten Weltmeisterschaft in Australien sogar die deutsche Herren-Nationalmannschaft.

 

Bodenbälle sind eine Schlacht

Jack Kaley führt seine Nachwuchs-Kollegen erstmal weg vom Spielfeld. Die Weite der Rheinauen ausnutzend, lässt er sich mit ihnen im Schatten einer Baumgruppe nieder. Auf Rhein und Spaziergänger blickend, beginnt er das Trainer-Seminar mit der Definition der Grundlagen. Nach Kaley sind dies Bodenbälle und genaues Passen. "Bodenbälle sind eine Schlacht. Tief runter und mit zwei Händen an den Schaft! Den Ball aufnehmen. Explodieren, aus der Gefahrenzone raus! Dann erst passen." Die zweite unabdingbare Grundlage erweitert er zum Passen und Fangen: "Catch and pass! Das wollen wir! Nicht dieses leidige Balltragen!" Dazu solle der Spieler sich nach außen bewegen und über die Schulter in die Pocket seines Mannschaftskameraden passen. Die schlampige "Sidehand" lässt Jack Kaley nicht gelten. Denn sie verhindert das, was er mit einem lautstarken "Boom-Bang" als den nötigen Standard beschreibt. Bei seinen Ausführungen wird schnell klar, dass er Lacrosse nicht nur lehrt, sondern auch lebt. Immer wieder sprengt er die zuhörende Runde durch das Nachstellen von Spielsituationen: Teilnehmer werden zu bedrohenden Angreifern, Bäume zu Anspielstationen, nur die die Passanten auf dem nah gelegenen Fahrradweg bezieht Kaley nicht mit ein. Sie dürfen sich in Ruhe über seine Darbietung wundern.

 

50-5-2 lautet die Formel

Um das Interesse zu testen, bittet er nach den Grundlagen um Fragen. "Coach, wie viele Spieler sollten jeweils an einer Übung teilnehmen?" Ein Lächeln läuft über Kaleys Gesicht. Er nennt dies eine intelligente Frage und antwortet begeistert: "Drills laufen mit acht Spielern ab, zwölf, wenn sie unerfahren sind." Wie lange könne der Trainer eine Drill laufen lassen? "Nicht länger als eine Minute", sagt er und verfällt wieder in eine Spielsituation. "Immer der freie Mann bekommt den Pass, nicht der beste Schütze, sondern der freie", schießt es aus ihm heraus und das Wasser aus seiner Wasserflasche in Richtung des gedachten Passes. "Bewegt euch immer zu dem Ball und haltet die Pässe kurz!" Nach einen kurzen Wort zur individuellen Verteidigung besinnt sich Kaley, dass er zu künftigen Trainern spricht und nicht nur zu Spielern. "Als Coach ist meine Aufgabe, dem Spieler zu helfen in Form zu kommen. Wir fassen es unter 50-5-2 zusammen. Jeder Spieler soll über 50 Wochen fünf Tage in der Woche zwei Stunden täglich an Form und Fähigkeiten arbeiten."

 

Klare und laute Kommandos

Der praktische Teil beginnt. Die Teilnehmer beobachten ihn bei den Drills mit seiner Mannschaft, den Bears vom New York Institute of Technology. Sie reiste mit ihm aus den Vereinigten Staaten an. Der Coach ist sichtbar stolz auf seine Spieler, schließlich haben sie gerade die nationale Meisterschaft (Division II, National Collegiate Athletic Association) gewonnen, ohne auch nur ein Spiel an den Gegner abzugeben. Kaley erklärt, dass der Drill niemals unterbrochen werden darf, da er sonst noch mehr an Spiel-Realität verliere: "Wenn ihr einen Spieler verbessern wollt, macht dies immer an der Seite des Spielfeldes." Des weiteren beschwört Kaley: "Gebt immer klare und laute Kommandos." Verschmitzt fügt er hinzu: "Spieler sind wie Schafe. Ihr müsst sie daher auch so behandeln." Dann geht es los, die Drills fangen an. Es fällt auf, das Kaley sehr locker gegenüber seinen Spielern ist und nicht den unnahbaren Schleifer spielt. Beim Aufwärmen liefen seine Spieler allerdings auch ohne ihn über den Platz, als würde ein Schäferhund sie treiben. Ihr Abspiel geschieht jetzt im Takt der Ansagen von Kaley, die wie Pistolenschüsse in kurzen Abständen über das Feld hallen. Während sie Schnellangriffe üben, bejubelt er jeden Spieler, der die richtige Auffassungsgabe beweist. Dies teilt er auch lautstark demjenigen mit. "Auch gute Spieler brauchen das Lob!", so seine Erklärung an die Kollegen in spe.

 

USA gegen Kanada

Es wird ernst: Seine amerikanischen College-Jungs treten gegen die Altherren-Mannschaft aus Kanada an. Die Black Sheeps aus Ottawa machen ebenfalls dem Weg nach Amsterdam Zwischenstation in Köln. Jack Kaley ist nun für Fragen nicht mehr zugänglich. Seine ganze Konzentration gilt dem Geschehen auf Feld. Mit Stift und Klemmbrett analysiert er ruhig jede Aktion, um dann doch jedes Tor seiner Mannen zu bejubeln als wäre es das entscheidende. Seine Jungs sind nicht weniger konzentriert. Dabei herrscht ein reges Kommen und Gehen in deren Auswechselzone. Kaley ist mitten drin, verteilt Lob, muntert auf, lacht über die Witze seiner Spieler. Verliert einer seiner eintrudelnden Schützlinge die Fassung, schneidet er ihm das Wort ab und schickt ihn zum Umziehen. So einfach geht das.

 

Nach seinem Spiel sitzt Kaley gelassen am Spielfeld-Rand und schaut sich die Begegnung zwischen den beiden deutschen Mannschaften an. "Ihr müsst anfangen, ein Spiel als Trainer anzuschauen!", hat er die Junior-Trainer am Morgen aufgefordert. Daher behält er sein Pokergesicht, analysiert weiter, schweigt aber. Nur manchmal lacht er leise über die Anweisungen anderer amerikanischer Coaches ? Trainer über Trainer eben.

 

Egal ob klein oder groß, Schwergewicht oder halbes Hemd?

Der erste Spieltag nähert sich dem Ende. Während andere bereits aufräumen, sitzt Kaley noch auf einer Kühlbox am Kopf eines Bierzelt-Tisches, umringt von aufmerksamen Zuhörern. Taktik und Spielzüge sind jetzt sein Thema. Das Klemmbrett liegt nun auf dem Tisch. Darauf, auf dem angedeuteten Spielfeld, zeigt Kaley, wie sich Zonen-Verteidigungen knacken lassen und einfache Kombinationen System in den Spielaufbau bringen. Spieler werden zu Punkten, Pässe zu Pfeilen, Laufwege zu gestrichelten Linien, die an fetten Strichen ihr Ende finden. Die meisten haben schon aufgegeben, die Skizzen auf ihre Notizblöcke zu übertragen. Kaley lächelt nur und sagt, dass die Spielzüge morgen auch in die Praxis umgesetzt, nochmals auf dem Feld geübt würden. Gerade lässt er auf dem Brett einen Punkt "durch die Hintertür" vor das Tor schlängeln und spricht über Vorzüge eines groß gewachsenen Kreisläufers, als er plötzlich den Stift nieder legt. Ernst schaut er in die Runde: "Aber das ist eigentlich egal. Das Schöne am Lacrosse und der Grund, warum wir es so lieben, ist: Jeden, egal ob klein oder groß, Schwergewicht oder halbes Hemd, braucht die Mannschaft auf dem Feld. Das müssen wir als Trainer klar machen und sicherstellen!" Die zukünftigen Trainer nicken unterbewusst: "Ja, Coach!"

 

Weiterführende Informationen:

Jack Kaley auf dem Turnier in Amsterdam

Offizielle Seite von Jack Kaley

NYIT Bears