DLC: Willkommen

Der Kölner Fan-Wimpel vibriert tapfer im Takt der Schlaglöcher. Dennoch symbolisiert er Tragik und Schmerz, während er von Björns Rückspiegel herabhängt. Es ist der 23. Mai, 7:00 morgens. Heute endet die erste Bundesliga, der 1. FC Köln ist bereits abgestiegen, Werder Bremen jetzt schon Meister. Daher dudelt im Autoradio auch nur irgendein Sender aus Österreich. Der Moderator fragt, warum man schon so früh im Donau-Lande unterwegs sei. "Um in Wien Lacrosse zu spielen!" lautet unsere Antwort.

Heute startet offiziell die Danube Lacrosse League, die erste Lacrosse-Liga im Lande. Wir, das sind Björn, Stephan und ich. Der zweite Wagen ist schon weit hinter dem Zeitplan. Wir treffen wir uns erst in Wien wieder. Dort befindet sich bereits unsere Angriffs-Garde und die Kempf-Brüder. Die Fahrt ist gemütlich. Björn kredenzt Fleischpflanzerl einer bekannten Lebensmittelkette und unter dem Klang kubanischer Volksmusik fahren wir durch satte Landschaften, die vor kräftigen Grüntönen nur so strahlen. Die Idylle stören kann weder das Schnarchen auf der Rückbank noch die Warnung vor Unfallhäufungsstellen. Kurz vor den Toren Wiens färbt sich der Himmel in ein deprimierendes Grau. Im Nieselregen erreichen wir den Sportverein Post. Das Clubhaus ist solide gebaut und könnte früher eine alte Fliegerbaracke gewesen sein, die, nun weiss gestrichen, friedlicheren Zwecken dient. Das Flair der Nachkriegsjahre ist ist zu spüren - die Umgebung ist so mit Zäunen durchzogen, dass ich fest damit rechne, einem deutschen Schäferhund zu begegnen.

 

Der Platz ist leer, nichts deutet auf Lacrosse. Jedoch ganz hinten entdecken wir einen Spieler, der am anderen Ende des Feldes in voller Montur einen Ball gegen die Wand drischt. Letztere ist ganz sicher direkt aus dem Lacrosser-Paradies entsprungen: Mehrere Meter hoch, rund 30 Meter breit, die mannsgroßen, braunen Lettern eines lokalen Bowling-Centers auf weißem Grund. Er lässt von seinen Übungen ab und schlendert auf uns zu. Wir sollen schon mal in die Kabine gehen, die anderen würden sicherlich gleich auftauchen. Erstmal kommt unser zweiter Wagen, dann erst die Spieler aus Wien. Nun gilt es die Spieler, deren Alkoholfahne bereits jetzt länger als ihre Stollen am Schuhwerk ist, davon abzuhalten, den Platz zu betreten. Stollenschuhe würden den "Commissioner" davon abhalten, den Rasen freizugeben. Per Telefon waltet er seines Amtes. Die Bratislava Tricksters treten als erstes gegen die lokalen Monarchen an. Bratislava ist noch eine sehr junge Mannschaft. Sie kämpft umso wilder. Allerdings sind sie ohne Auswechselspieler angetreten und müssen sich den Königlichen aufgrund ihrer hoffnungslosen Unterzahl geschlagen geben. Unsere Passauer Spieler reiben sich die Hände, beide Mannschaften seien leicht schlagbar, scheint es. Das Spiel endet 1:8.

 

Kurze Zeit später stehen wir auf dem Feld, um uns für das Spiel gegen die Vienna Monarchs vorzubreiten. Im Team laufen wir uns warm und manch einen beschleicht die dunkle Vorahnung: "In Radotin machten wir dies auch. Vorbildlich. Dann haben sie uns vorgeführt. Aber das passiert nicht gegen Wien." Die trüben Gedanken verschwinden, stattdessen ziehen schwarze Wolken auf. Das Einspielen -- Pässe mit starker und schwacher Hand, Aufnehmen von Bodenbällen und der Schnellangriff -- findet unter strömenden Regen statt. Es sieht nicht schlecht aus. Dennoch fangen wir manche Bälle nicht, die dann über die Köpfe der wartenden Spieler hinwegzischen. Es wird ernst: Wir gewinnen den Face-Off, tragen den Ball nach vorne, aber die Wiener fangen den Pass auf den Flügel ab. Sie stürmen und beenden ihren Schnellangriff mit einem Tor. "Kann passieren", denken wir uns auf der Auswechselbank. Ihr nächster Angriff endet ebenso erfolgreich. Kurz vor Ende des ersten Viertels punktet auch noch ein Verteidiger. Er freut sich, rennt über das Feld und macht die Säge aus der Fußballwelt. Wir kommen zusammmen, ungläubig, dass wir gerade 3:1 zurückliegen. Unser ältester Spieler beginnt die Analyse, die schnell lautstark wird: "Das ist gar nichts! Gar nichts ist das! Ich schäme mich! Am liebsten würde ich mich in das Auto setzen und wegfahren! Das ist gar nichts!" So laut, dass die Wiener jedes Wort mitkriegen. Dann wendet er sich um und verlässt den Kreis. Totenstille, keiner flucht mehr und niemand lächelt mehr. Ich hocke inzwischen - auf dem Boden der Tatsachen kann ich ein solches Donnerwetter besser ertragen. Olli bricht die Stille und sagt kurz an, wie es im zweiten Viertel laufen sollte: "Besser!" Doch nun zittern allen die Hände. Der einzige Hoffnungsschimmer ist Olli selbst, der nun effizienter seine Aufgabe vollendet: Tore machen, ohne Schnörkel, ohne den Torwart mit rein zu schießen. Weil wir das Vertrauen in unser Pass-Spiel verloren haben, versuchen wir den Ball eigenhändig nach vorne zu tragen. Immer schlagen wir den ersten, oft auch den zweiten Gegner, um dann gegen den dritten den Ball zu verlieren. Sobald dieser zu Boden fällt, beginnt das Gemetzel um die Bodenball. Daraus gehen die Wiener erfolgreicher hervor und stoßen uns zurück in den Teufelskreis der Verunsicherung. Der Halbzeitstand lautet 4:2 für Wien. Unser Ältester sagt nichts mehr, dafür erheben in der Pause andere das Wort, die sonst nichts sagen. Jetzt sprechen sie ebenso heftig und noch lauter. Scheinbar mit Wirkung, denn das dritte Viertel geht an uns. Jürgen, Olli punkten, Andy durchläuft die gesamte Wiener Abwehr und drischt den Ball ins Tor. Er schreit seine Wut heraus. Stephan trifft das erstemal. Respektlos hat er beim Ballkontakt vor dem Crease wie ein Tennisspieler den Ball reingeschlagen. Tor ist Tor und Passau wieder dran. Wir führen sogar erstmals mit 5:6. Doch die keimende Euphorie findet schnell ihr Ende. Wien hat noch nicht aufgegeben und schon gar nicht seine Fan-Gemeinde. Mit Höllen-Lärm stärken sie die Moral ihrer Mannschaft. "More agressive", so ihre Rufe, deren Lautstärke das Warten auf der Auswechselbank noch unangenehmer machen. Auf dem Feld machen wir wieder ungenaue, dumme, lange Pässe, überhastet, unsauber geworfen und gefangen. Fällt der Ball zu Boden, bekommen wir die ungestüme Aggression der Wiener zu spüren. Sie schmeißen sich in solchen Momenten in alles, was auch nur in der Nähe des Balles ist. Aber ihr Kampfgeist gewinnt diese Spielsituationen. Den Ballbesitz nutzen sie und punkten. Klaus hält dagegen. Olli setzt noch einen drauf. Doch Wien bleibt dran, seine Bank spürt die in der Luft liegende Sensation und feuert die Spieler zu Höchstleistungen an. Wien schießt noch ein Tor, dass letzte in diesem Spiel. Kurz danach wird abgepfiffen.

Als wir zusammenlaufen, weiß ich nicht, ob wir es geschafft haben. Kleinlaut frage ich Olli. Er nickt, ohne zu lächeln. Passau gewinnt sein erstes DLC-Spiel 7:8. Der Regen stoppt, die Sonne bricht wieder durch. Wir sitzen alle auf dem Rasen. Die Gesichter sprechen Bände, manche scheinen nicht zu wissen, ob sie lachen oder weinen sollen. In unserem nächsten Spiel gegen die Bratislava Tricksters wird das Wetter wieder schlechter, unser Angriff bessert sich jedoch trotz des einsetzenden Hagels. Wir tragen den Ball sicher nach vorne und passen genau, bis wir eine Lücke in der Abwehr nützen können. Wir liegen schnell vorne und das Donnerwetter kommt diesmal nur von Mutter Natur. Als es anfängt zu blitzen, bricht der Veranstalter das Spiel beim Stand 8:3 für Passau ab.

 

Als wir Wien verlassen, prasseln erneut dicke Regentropfen gegen die Frontscheibe und die Scheibenwischer werden diesen kaum Herr. Wieder dudelt Björns kubanische Volksmusik im Auto und sein Kölner Fan-Wimpel ist mir nach diesem Tag viel sympathischer: Manchmal läuft halt eine ganze Menge schief. Aber egal, Kaiserslautern bleibt in der Bundesliga, Mainz 05 steigt in die selbige auf und der Passauer Lacrosse Verein führt die Danube Lacrosse Conference mit 12 Punkten an. (gob)

 

Es spielten:

Eckel, Köppen, A. Kempf, K. Kempf, Schiffbauer, Helling, Wallner, Raczek, Owerdieck, Mohrlang, Bolduan